Geschichte

Lesen mit verteilten Rollen

Sonntag, später Nachmittag, 90er Jahre, Helferei Grossmünster. Etwa ein Dutzend literaturbegeisterte Leute treffen sich, um mit verteilten Rollen ein Theaterstück zu lesen. Menschen aus der Altstadt, Freunde, Nachbarn, Männer und Frauen, jung und alt. Die Stückauswahl ist sehr offen, man liest Klassisches und ganz Modernes, die Rollen werden spontan gestaltet. Zuerst wird gelesen, dann redet man über die Eindrücke, die das Gelesene machte.

Gastgeber und Initiator ist Hans Stickelberger, Pfarrer am Grossmünster und ein enthusiastischer Liebhaber des Theaters. Lesen macht hungrig, Hans Stickelberger verschwindet in die Küche, kocht Suppe und macht Salat, man sitzt noch lange zusammen und geniesst diese wunderbare Verbindung von Geselligkeit und Kultur.

Für Hans Stickelberger ist die Theaterarbeit Teil der Gemeindebildung im doppelten Sinn des Wortes "Bildung". Mitglieder der Gemeinde – dazu gehört für den Grossmünsterpfarrer die ganze Stadt – gestalten etwas miteinander. Der Plan ist, Theater in der Gemeinde und für die Gemeinde zu machen.

Im Jahr 2000 kommt Marc Hecky als Vikar ans Grossmünster. Er bringt Erfahrung und Begeisterung aus Düsseldorf, mit und so entsteht unter seiner Regie die erste Produktion.

 

Aufführungen

2001 Horvath, Geschichten aus dem Wiener Wald
Regie: Marc Hecky

Diese Geschichten aus dem Volk erscheinen auf den ersten Blick gut bürgerlich, gemütlich, man sitzt beim Heurigen, Walzerklänge durchziehen die Luft. Aber dann kippen sie, entpuppen sich als Vanitas-Bilder, als eine Art Totentanz. Idylle und Satire verbinden sich.

Die meisten Mitglieder der Lesegruppe spielen mit. Hans Stickelberger z.B. macht zusammen mit Matthias Senn die Salonmusik im Maxim. Weitere Ensemble­mitglieder finden sich ein. Z.B. spielen Ursula Frischknecht und Philipp Thomann ihre ersten Hauptrollen, und Cornelia Vogelsanger gibt die Helen, eine alte, listige Blinde. Maja Schönenberger regelt hinter der Bühne das Licht.

Cornelia Vogelsanger ist seit 1999 die Leiterin des Kulturhauses Helferei. Sie führt das Begonnene weiter, immer noch im Blick auf die Arbeit in der Gemeinde. Sie bringt wieder Menschen zusammen, treibt Geld auf, es wird ein Stück gefunden und ein Regisseur.

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2003 Lessing, Nathan der Weise
Regie: Christian Sonderegger

Dieses hintergründig witzige und zugleich so ernste "dramatische Gedicht" stellt den Konflikt zwischen den drei Religionen bzw. Kulturen der Juden, Christen und Moslems dar. Und findet in der Gestalt des weisen Juden Nathan die humanste Antwort, die darauf gegeben werden kann.

Die Hauptrolle spielt jetzt Friedo Dürr, ein unvergesslicher Nathan. Verena Schüepp und Ruedi Maag kommen dazu und viele andere.

Die Aufführung wird professioneller: der Regisseur ist ein erfahrener Theatermann, der vor allem mit Schülern arbeitet und dafür viele Preise gewonnen hat. Barbara Bornhauser, auch sie Lehrerin und Theaterfrau, macht die Kostüme.

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Zu den Fotos der Aufführung "Nathan der Weise".


2006 Ionescu, Die Nashörner
Regie Annegret Trachsel

Nach einer Pause ergreift Cornelia Vogelsanger wieder die Initiative. Sie formuliert auch den Anspruch, unter den wir uns stellen: es soll literarisch anspruchsvolles Theater gemacht werden.

In einer Kleinstadt sind plötzlich Nashörner aufgetaucht. In der hysterischen Abwehrwut der Bürger zeigt sich, dass sie den rasenden Trampeltieren nur allzu ähnlich sind, und dass sie eine heimliche Sehnsucht nach der natürlichen Kraft der Tiere haben. Nach und nach werden sie alle zu Nashörnern. Nur Behringer, der kleine Kanzlist, widersteht und bleibt allein zurück.

Die Hauptrollen spielen nun Ruedi Maag, Shelagh Armit Quiroga, Philipp Thomann und Friedo Dürr.

Die Regisseurin Annegret Trachsel, die mit viel Erfolg das Ateliertheater Meilen leitet, übernimmt dieses Mal auch fast alle Aufgaben der Produktion vom Bühnenbild bis zu den Kostümen und der Organisation.

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Zu den Fotos der Aufführung "Die Nashörner"

Die Gruppe formiert sich klarer und gründet 2007 den Verein Helfereitheater, in dem die Produktionsaufgaben gezielter angepackt werden können. Der erste Präsident ist Friedo Dürr.

Um uns weiterzubilden und einen Regisseur zu finden, veranstalten wir mehrere Theaterkurse, die allen viel Spass machen. Dabei lernen wir Jeannot Hunziker kennen, der nun das neue Stück mit uns in Angriff nimmt.


2008 Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame
Regie: Jeannot Hunziker

Es ist wunderbar, wenn man sich auf der Bühne darauf verlassen kann, dass das Stück standhält. Das ist bei Dürrenmatt garantiert. Aus seinem Text entwickeln sich die Charaktere, die Handlung und ein Netz aus feinen und feinsten Bezügen zwischen den Szenen.

Ursula Frischknecht als alte Dame und Hans Strub als Alfred Ill werden zu den Sympathieträgern der Aufführung. Die Güllener, gespielt von langjährigen Mitgliedern und neuen jungen Darstellern, demaskieren sich zusehends als potentielle Mörder, die aus schlechtem Gewissen und für viel Geld schliesslich alles tun und auf offener Bühne jemanden umbringen.

Barbara Bornhauser entwirft und näht die Kostüme, Maja Schönenberger bedient wieder das Lichtpult und Ursula Frischknecht übernimmt die Produktionsleitung.

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Zu den Fotos der Aufführung "Der Besuch der alten Dame"


Nach der Aufführung formiert sich der Vorstand neu, Hans Strub, der vor 40 Jahren das Kleintheater Schwamendingen (KT12) gegründet und lange geleitet hat, wird neuer Präsident.

Ursula Frischknecht, Folma Hoesch und Christine Profos bilden eine Findungs­kommission und entscheiden sich zusammen mit dem Vorstand für das neue Stück: Thomas Hürlimann, Das Einsiedler Welttheater 2007. Dieses Mal muss der Text für unsere Aufführung stark bearbeitet werden. Hürlimann schrieb seine Version des "Grossen Welttheaters" von Calderon de la Barca für die riesige Freilichtbühne vor dem Kloster Einsiedeln. Der Text bezog sich dort in vieler Weise auf den Ort Einsiedeln, die Klostergebäude, die Mönche, den katholischen Gottesdienst, die Legenden der Klostergründung. Profischauspieler spielten neben Mönchen und 300 Bewohnern des Dorfes.

Aus der grossen Freilichtaufführung wird ein Kammertheater. Statt im katholischen Umfeld spielen wir in der Kapelle der Helferei, im Schatten des Grossmünsters, statt Einsiedeln ist Zürich nun der Ort des Geschehens. Wir sind viel näher am Publikum, statt des visuellen Spektakels hat das Wort eine grössere Bedeutung. Die Figuren und die kaleidoskopartige Bilderfolge der Szenen bleiben aber barock.

2010 Hürlimann, Hoesch, Welttheater 2010
Regie: Jeannot Hunziker
Kostüme: Barbara Bornhauser
Produktionsleitung: Ursula Frischknecht und Hans Strub

2014 Andres Boller, Friedo Dürr, Hans Strub, "Helm ab!" – ein Spiel und Huldrych Zwingli syn Helm

2015 Andres Boller, Friedo Dürr, Hans Strub " Sophie - oder die Weisheit küssen"

Sophie - oder die Weisheit küssen

Fotos aus den Proben "Sophia - oder die Weisheit küssen"

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